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Warum Bremen wahrscheinlich Deutschlands größtes Hopfenanbaugebiet nördlich der Hallertau ist.



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Urban Farming in der Überseestadt

Dass man in dieser Ecke der Überseestadt ein Kleinod vorfindet, ist auf dem Weg dorthin nicht absehbar. Vorbei am
Kellogg´s-Produktionsgelände, links und rechts der Stephanikirchenweide stehen Autos, LKW fahren auf Betriebsgelände, manche stehen wartend auf der Straße. Am Ende der Sackgasse geht es auf das Gelände der Rickmers Reismühle. Die Weser ist nicht weit, Möwen kreisen kreischend über einem. – Und mitten drin weht ein Fähnchen hinter einer weißen blickdichten Wand. Darauf steht: Gemüsewerft. Und es wird klar: Doch, hier findet man ein Kleinod. Eines, dass noch „im Werden“ ist, aber kaum tritt man durch die Tür hinein auf das abgesperrte Grundstück, macht sich ein Gefühl in einem breit. Ein wohliges Gefühl. Und eines, das einen am liebsten direkt zu Forke, Harke und Schaufel greifen lassen würde.


Gemüsewerft Dock II in der Überseestadt

Auf dem 2.600 Quadratmeter großen Grundstück hat Michael Scheer von der GIB Gesellschaft für integrative Beschäftigung mbH zusammen mit seinen Kollegen die Außenstelle der Gröpelinger Gemüsewerft angelegt: Gemüsewerft Dock II in der Überseestadt. Hier – inmitten von Industrie – wächst Gemüse heran. Alles Bio!

Seit Juni 2016 bewirtschaftet die Gemüsewerft das Gelände. Ein Viertel der Fläche ist bereits hergerichtet. Der Rest folgt jetzt Schritt für Schritt. „Das ist eine Menge Arbeit. Hier war alles verwildert und wir mussten uns natürlich erst einmal Platz schaffen“, so Scheer. 

Die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH hat das Grundstück im Rahmen einer Zwischennutzung zunächst für drei Jahre an die GIB vermietet.


Von der Gemüsewerft auf Bremer Teller

125 Paletten-Beete hat er zusammen mit seinen Mitarbeitern und einem einzigen Profi-Gärtner hier bisher aufgebaut. Darin wachsen unter anderem Kartoffeln, Spinat, Mangold, Zucchinis, Kürbisse, Bohnen, Grünkohl (die „Oldenburger Palme“), Lauchzwiebeln, Rote Beete und Basilikum. „Wir haben drei Gastronomie-Abnehmer für unser Gemüse: das Canova an der Kunsthalle, der Mekong-Grill im Viertel und unsere eigene Gastro, das Café Brand“, erklärt Scheer. Wann immer etwas reif ist, ruft er die Gastronomen an und fragt, ob Interesse besteht. Und das besteht immer! „Wir könnten noch viel mehr verkaufen. Unsere Möglichkeiten sind jedoch begrenzt. Aber wir arbeiten daran…“, sagt Scheer und ihm ist anzumerken: Wenn er könnte wie er wollte, würde die Gemüsewerft wachsen und wachsen und wachsen…


Wünsch dir was…

Die Gemüsewerft ist auf Förderungen angewiesen. Aktuell wartet er auf eine Förderzusage, die es ihm ermöglichen würde, den Rest des Geländes an der Stephanikirchenweide zu bewirtschaften, weitere Beete anzuschaffen und im Idealfall weitere Infrastruktur zu schaffen. „Für ein Projekt wie unseres braucht es Strom, Trinkwasser und eine funktionierende Kanalisation – und daran müssen wir arbeiten“, betont Scheer. Wenn er Wünsch dir was spielen dürfte, stünde ein WC ganz oben auf seiner Liste sowie ein riesiges Profi-Gewächshaus. Aber wer weiß: Eines Tages…


Urbane Landwirtschaft

Auf der Gemüsewerft wird urbane Landwirtschaft betrieben – Gärtnern in der Stadt. Ein Trend mit vielen Facetten: Gemeinschaftsgärten, Urban Gardening, Guerilla Gardening,… „Für uns steht die Produktion im Vordergrund. Und: Wir folgen keinem Trend“, so Michael Scheer. Fünf Mitarbeiter kümmern sich um die Gemüsewerft Dock II. Für alle ist das mehr als ein „Job“. Für sie ist es vor allem ein Teilhaben an der Gesellschaft. Denn hier arbeiten Menschen mit psychischen, seelischen oder geistigen Behinderungen. Angeleitet werden sie – und auch Scheer selbst, der von sich sagt, er habe keine Ahnung von Gemüseanbau – von einem Gärtner. Und gemeinsam wird aus dem „keine Ahnung haben“ etwas sehr fruchtbares, denn hier wächst und gedeiht es in jedem fertigen Palettenbeet.

„Für uns steht zwar die Effizienz nicht im Vordergrund, aber im Fokus unserer Arbeit mit und auf der Gemüsewerft steht die Produktion. Wir ziehen das hier ganz bewusst nicht ‚behindertenmäßig‘ auf, sondern ‚businessmäßig‘“, betont Scheer. Denn ohne Gemüse keine Abnehmer und langfristig auch keine Gemüsewerft mehr.


Hopfen aus der „Northern Hallertau“

Eine ganz besondere Zusammenarbeit aber wächst am Maschendrahtzaun, der das Gelände der Gemüsewerft von den dahinterliegenden Schienen trennt. Hier wachsen Centennial und Chinook bis zu 15 Zentimeter pro Tag in die Höhe und schlängeln sich durch die Maschen. Hier wächst Hopfen. Schon auf der Gemüsewerft in Gröpelingen hat Scheer Hopfen angebaut – sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass er – halb im Spaß, halb ernst gemeint – zu sagen pflegt: „Bremen ist das größte Hopfen-Anbaugebiet nördlich der Hallertau – die ‚Northern Hallertau‘ sozusagen.“ Die Hallertau, das ist Deutschlands größtes Anbaugebiet für Hopfen. Hier wachsen rund 40 Prozent des weltweiten Hopfenbedarfs. Und hierher stammen auch die Hopfenpflanzen, die auf der Gemüsewerft wachsen. (Naja, eigentlich stammen sie aus Nordamerika, aber das ist eine andere Geschichte…)


Erste Hopfenernte Ende September

Die Hopfenpflanzen in der Überseestadt sind jetzt rund ein Jahr alt. Sie tragen bereits die ersten Dolden, also die „Büschel“, die geerntet und zu Bier werden. Ende September, so schätzt Scheer, kann die erste Überseestadt-Ernte beginnen. „Wenn die Dolden rascheln wie Pergamentpapier, dann sind sie reif.“ Aus den 100 Hopfenpflanzen, die hier bisher am Maschendrahtzaun wachsen, können vielleicht sogar schon 4.000 Liter Bier gebraut werden. Nach dem fünften Jahr wirft eine einzige Hopfenpflanze genug Dolden für 300 Liter Bier ab. Dann reichen die Überseestadt-Pflanzen allein für etwa 30.000 Liter Bier aus.


Vom Überseestadt-Hopfen zum Craft Beer

Aus dem Gemüsewerft-Hopfen wird nicht irgendein Bier gebraut. Craft Beer, also „handgemachtes“ Bier aus kleinen Brauereien. Der Gröpelinger Gemüsewerft-Hopfen wird vorrangig zu „Ale No. 2“ der Bremer Braumanufaktur verarbeitet. Wozu Centenniel und Chinook gebraut werden, wird sich noch klären. Schwarzbier könnte es zum Beispiel werden.

„Wie es zur Zusammenarbeit mit der Bremer Braumanufaktur kam, zeigt sehr deutlich wie wir arbeiten“, so Scheer. „Der Inhaber der Manufaktur kam eines Tages auf unsere Werft in Gröpelingen, stellte sich vor und fragte direkt: ‚Können Sie Hopfen für mich anbauen?‘. Wir hatten keine Ahnung, wie das geht, aber wir sagten zu, denn das Projekt klagt super. Nach fünf Minuten war der Deal perfekt und nach acht Monaten wurde das erste Bier gebraut.“ 


Zukunftspläne

Im nächsten Jahr soll die Gemüsewerft in der Überseestadt auch ab und an für Besucher geöffnet werden. Dann gibt es hier an einigen Tagen einen „Hofverkauf“, der aus einem alten, umgebauten Straßenbahn-Zugwagen (gestiftet von der Bremer Straßenbahn AG) heraus stattfindet. Und auch Veranstaltungen sowie Workshops kann sich Scheer hier vorstellen. 


Informationen zur allgemeinen Entwicklung der Überseestadt und freien Bauflächen erhalten Sie bei Dagmar Nordhausen, Tel. +49 (0)421 9600 252, dagmar.nordhausen@wfb-bremen.de und Jons Abel, Tel. +49 (0)421 9600 613, jons.abel@wfb-bremen.de