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28.8.2025 - Daniela Krause

Kellogg Pier: Auszeichnung ist Anerkennung und Ansporn zugleich

Erfolgsgeschichten

Interview mit Johannes Aderholz von der Überseeinsel GmbH zum Deutschen Städtebaupreis

Der Kellogg Pier auf der Überseeinsel wurde im Juli 2025 als herausragendes Beispiel für Umbaukultur in der zirkulären Stadt mit dem Sonderpreis des Deutschen Städtebaupreises geehrt. Geschäftsführer Johannes Aderholz über den langen Weg dorthin, mutige Entscheidungen und den Blick nach vorn.

Johannes Aderholz, Geschäftsführer der Überseeinsel GmbH steht vor dem Eingang des John & Will Silo-Hotels auf der Überseeinsel in der Überseestadt.
Überseeinsel GmbH-Geschäftsführer Johannes Aderholz hofft, dass die Überseeinsel in der Überseestadt ein Ort wird, an dem man sich gerne aufhält. © WFB/Eva-Christina Krause

Herr Aderholz, herzlichen Glückwunsch zur jüngsten Auszeichnung zum Kellogg Pier. Was bedeutet der Preis – für Sie persönlich und für die Überseeinsel GmbH?

Vielen Dank für die Glückwünsche! Uns haben zahlreiche erreicht, was uns sehr positiv überrascht hat. Der Preis hat für mich persönlich und alleine keine Bedeutung, weil ich ihn einzig der Arbeit des gesamten Teams verdanke und der Entwicklung, die wir hier seit inzwischen gut sechs Jahren gemeinsam voranbringen. Für uns als Überseeinsel GmbH ist diese Auszeichnung und die Außenwahrnehmung natürlich ganz, ganz toll – Anerkennung und zugleich Motivation und Ansporn für die Kolleginnen und Kollegen, so weiterzumachen.   

Was hat die Jury in der Begründung für die Auszeichnung besonders hervorgehoben?

Im Kern war es die Übersetzung des fast 60 Jahre als Industrie- und Gewerbestandort genutzten Areals. Beim Kellogg Pier reden wir vom Silo mit dem Vitaminlager, dem Reislager und der angrenzenden Freifläche. Im Fokus steht sicher das ehemalige Silo, das heute ein Hotel ist – und da vor allem die Einbindung des Bestandsgebäudes in die Planung und in die umliegenden Nutzungen. Mit Hotel, Büroflächen und Freizeitangeboten wie einer Eislaufbahn haben wir Aufenthaltsqualitäten geschaffen, die besonders sind. Und trotzdem haben wir es geschafft, den Charme und Charakter des ursprünglichen Standortes zu bewahren. Man sieht noch viele alte Bestandteile und hat das Gefühl, sich an einem bestehenden Ort zu bewegen.

Links ragt das Silo-Hotel John & Will in die Höhe, auf der rechten Seite befindet sich das Reislager mit Sitzgelegenheiten und Bäumen im Vordergrund.
Ergeben ein harmonisches Gesamtbild: Das Reislager mit dem Silo-Hotel im Hintergrund. © WFB/Eva-Christina Krause

Mit welchen besonderen Herausforderungen waren Sie während des Umbaus konfrontiert?

Es war nicht eine Herausforderung, sondern mehrere, die sich zusammengefasst aus drei Bereichen zusammensetzen: Das eine ist die Schaffung von Planungs- und Baurecht. Das andere ist die bauliche Umsetzung selbst, hier insbesondere die Revitalisierung des Bestandsgebäudes. Und das Dritte sind die Rahmenbedingungen, die wir auferlegt bekommen haben bzw. die der Ort mit sich bringt, z.B. in Bezug auf unterirdischen Altbestand und ungenaue oder gar keine Planunterlagen. Was sich so gar nicht abgezeichnet hat, war auch, dass hier über die Nutzung von Kellogg hinaus schon immer Unternehmen und Menschen ansässig waren. Dementsprechend steckten im Boden sehr viele Überraschungen, gerade wenn man an die Eislaufbahn und die darunter befindliche Energiezentrale denkt.

Was haben Sie gefunden?

Wir haben eine Menge alter Bauteile gefunden. Wenn man sich die historischen Anlagen und Fotos anschaut, dann erschließt sich das einem auch. Aber man weiß eben nie genau, was tatsächlich noch vorhanden ist. Wir mussten also schauen, wie wir damit umgehen. Das war aber zeitlich und in der Umsetzung alles gut händelbar.

Das Baurecht und Planungsrecht war besonders, weil wir zu dem Zeitpunkt keinen Bebauungsplan hatten und über ein nachbarschaftliches Zustimmungsverfahren gearbeitet haben. Also musste man viel Überzeugungsarbeit leisten und Gespräche mit Nachbarinnen und Nachbarn führen, warum sie unbedingt zustimmen sollten. Erst mal tangiert sie das nicht, könnte man meinen. Auf der anderen Seite gibt es hier am Standort die Diskrepanz zwischen den weiterhin ansässigen Gewerbe- und Industrieunternehmen und allem, was an Neubebauung heranrückt. Aber wir hatten wirklich gute und zugängliche Gespräche, sodass am Ende auch alle zugestimmt haben.

Die größte Herausforderung war aber der Bau selbst. Generell im Bestand hat man immer Themen, bei denen die Ist-Situation mit der Plansituation nicht zusammenpasst. Aber hier war es extrem, weil das Gebäude 60 Jahre rustikal genutzt wurde – zur Speicherung und Lagerung von Rohstoffen im weitesten Sinne. Niemand hatte je daran gedacht, dass da mal jemand drin arbeitet oder schläft. Dementsprechend war es rustikal gebaut.

Die Außenwände des Silos hatten eine Abweichung von mehreren Zentimetern in der Neigung, was vorher nicht erkennbar war. Die Flucht von unten nach oben verändert sich. Wenn ich dann das Gebäude dämmen will und immer mit der gleichen Dämmstärke arbeite, passt das irgendwann natürlich nicht mehr. Wir haben außerdem viele Teile herausgeschnitten, um die Silos zu öffnen und für die Hotelnutzung zugänglich zu machen.

Die größte Herausforderung war also, einen Altbau, der nie für diese Art der Nutzung vorgesehen war, so umzubauen, dass er die heute gültigen Normen und Standards in Bezug auf Brandschutz, Statik, Wärmeschutz usw. erfüllt – bis hin zur Baustellenlogistik. Denn um das Gebäude herum hatten wir viel Platz, im Gebäude selbst war es sehr eng. 

Der Blick ist Richtung Weser gerichtet. Links sieht man die Fassade des Reislagers, auf der rechten Seite die Fassade des John & Will-Hotels und des Vitaminlagers.
An das Silo-Hotel grenzt das Vitaminlager, das nun eine Gastronomie beherbergt. © WFB/Eva-Christina Krause

Inwiefern war die industrielle Vergangenheit des Areals Inspiration für das jetzige Nutzungskonzept?

Das Nutzungskonzept selbst hat weniger mit der Vornutzung und der Historie des Standortes zu tun, sondern eher mit der Frage: Was kann man überhaupt mit so einem Gebäude wie dem Silo machen? Welchen Charakter soll der Standort insgesamt haben? Wir legen viel Wert darauf, dass man hier um den Kellogg Pier herum einen Standort schafft, der eine hohe Aufenthaltsqualität und ein gewisses Alleinstellungsmerkmal hat. Dann ist die Frage: Wie nutze ich den? Wie mache ich den der Öffentlichkeit zugänglich oder zumindest erlebbar?

Das Reislager war auch ein Bestandsgebäude, das wir nicht komplett erhalten konnten. Hier war ziemlich schnell klar: Wir haben eine gewerbliche Nutzung mit Gastronomie im Erdgeschoss und darüber klassische Büros.

Beim angrenzenden Vitaminlager war ebenfalls schnell deutlich, dass es ein Mix aus Büro- und Konferenzräumen sowie Gastronomie wird. Die Räume haben wir in der Struktur sehr wenig verändert – das ist uns ganz gut gelungen.

Beim Silo haben wir zunächst ganz unterschiedliche Dinge diskutiert: von Freizeitaktivitäten wie Tauchbecken oder als Trainingsbereich für die Windkraftbranche, um dort das Arbeiten auf großer Höhe zu simulieren. Und dann kam, auch inspiriert durch das Architekturbüro Delugan Meissl, der Impuls: Eigentlich passt auch ein Hotel rein! Das hat sich dann schnell verfestigt, und ab da haben wir in diese Richtung gearbeitet.

Kann man sagen, dass das Silo-Hotel in dieser Form weltweit einzigartig ist?

Das haben wir lange geglaubt. Es gibt eine Referenz in Kapstadt, ein Museum. Da haben sie auf das Silo drauf gebaut. Dann haben wir erst sehr spät festgestellt, dass es in Neuseeland einen Ort mit einer ähnlichen Entwicklung gibt. Wir haben uns lange in dem Glauben befunden, die Ersten zu sein. Vielleicht waren wir dann doch nur die Zweiten. Aber man muss weit fahren, um ein ähnliches Projekt zu finden.

Zurück zum Kellogg Pier und zur Überseeinsel: Was macht die Überseeinsel als zentraler Ort, der Arbeiten, Freizeit und Wohnen miteinander verbinden soll, so besonders?

Es ist eine große Chance, dass man die Innenstadt, das Stephaniviertel und den hinteren Teil der Überseestadt miteinander verbinden kann. Wir haben hier eine gewisse Lagegunst durch die anderthalb Kilometer Weser, die zukünftig erlebbar sind. Wir haben die Nähe zur Innenstadt und die gute Erreichbarkeit von anderen Attraktionen wie Schlachte, Osterdeich und Weserstadion. Man ist in alle Richtungen schnell unterwegs. Wir glauben, dass die Überseeinsel als zentraler Ort in der Überseestadt auch später eine Rolle spielen wird, angrenzend mit dem Europahafen und anderen Entwicklungen von der Zech-Gruppe oder auch der ehemaligen Rickmers-Reismühle.

Und wenn man das möchte, braucht man eine hohe Durchmischung. Deshalb haben wir sehr früh gastronomische Angebote geschaffen. Wir haben eine Bierbrauerei, die Gemüsewerft als gemeinnütziges Projekt, eine Kaffeerösterei. Alles Dinge, die für ein buntes Bild des Standortes hilfreich sind. Daraus ergeben sich neben klassischen Büros auch unterschiedlichste Arbeitsplätze und -formen, also leichtes Gewerbe in Kombination mit beispielsweise einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Wir versuchen, nicht alles zu gestriegelt herzurichten. Man soll das Gefühl haben: Die Gebäude und Außenanlagen haben hier schon länger ihren Platz. Und vieles muss auch nicht sofort fertig sein. Es darf sich entwickeln, man kann beobachten: Wie wird etwas angenommen? Wo halten sich die Leute auf? Und dann findet man auf Dauer die beste Lösung.

Vor allem haben wir auf der Überseeinsel Angebote – einige schon vorhanden, andere noch geplant – die in der Überseestadt fehlen: eine Grundschule, bald ein Sport- und Bewegungszentrum, eine Kita, ein großes Gesundheitszentrum mit medizinischer Versorgung, Fitness- und Kursangeboten sowie einem Schwimmbad. Und dazu Freizeitangebote wie das Schlittschuhlaufen im Winter, was schon sehr gut angenommen wird und wo wir darüber hinaus durch unser Energiekonzept für die Herstellung des Eises eine gute Basis haben.

Blick auf das Gebäudeensemble Silo-Hotel und Reislager der Überseeinsel von der anderen Weser-Seite aus.
Blick auf die Überseeinsel und den Kellogg Pier von der anderen Weserseite. © Piet Niemann

Womit wir beim Thema Nachhaltigkeit sind. Welche Rolle spielte diese bei der Entwicklung des Kellogg Pier und wie wurde sie praktisch umgesetzt?

Das Thema Nachhaltigkeit ist in meinen Augen etwas überstrapaziert. Gefühlt ist alles, was man konsumiert oder entwickelt, nachhaltig. Wir machen etwas nicht, weil es nachhaltig ist oder so genannt werden könnte, sondern weil wir es an dieser Stelle für richtig halten. Wir berechnen am Silo nicht, wie viel graue Energie wir einsparen oder wie viel CO₂ im Vergleich zu Abbruch und Neubau, weil uns das am Ende nicht interessiert. Uns interessiert vielmehr die Weiternutzung und der Charakter solcher Gebäude.

Nachhaltig ist für uns, einen Ort zu schaffen, der andere Qualitäten hat und vor allem langfristig funktioniert – durch soziale Durchmischung, durch Architekturqualität. Und dann gibt es Dinge wie unser Energiekonzept, das man als innovativ und besonders bezeichnen kann. Also: Wie kann die Energiewende umgesetzt werden? Wie können Quartiere und Gebäude künftig mit Wärme und Kälte versorgt werden? Da kann man schon einen Nachhaltigkeitsstempel draufmachen. 

Um Nachhaltigkeit geht es auch bei der Mobilität auf der Überseeinsel. 

Ja, das stimmt. Wir glauben, wenn man autofreie oder -arme Quartiere entwickelt, in denen keine Autos parken und fahren, sondern an zentraler Stelle untergebracht werden, und wenn man das Fahrradfahren fördert, indem es attraktive Wege und gute Abstellmöglichkeiten gibt, dann schafft man einen Anreiz, eher auf das Auto zu verzichten. Stattdessen kann man quartiersbezogen auf ein Carsharing-Modell umsteigen, bspw. vom Smart bis zum Vito – idealerweise elektrisch. Die Elektromobilität wiederum wird über Photovoltaikanlagen und eine Batterieform gefördert, die längere Speicherkapazitäten hat und ohne seltene Erden auskommt. Dieses Konzept setzen wir in unserer Quartiersgarage um.   

Was wünschen Sie sich für den Kellogg Pier und die Überseeinsel in den kommenden zehn Jahren?

In den nächsten zweieinhalb Jahren schließen wir im direkten Umfeld den ersten großen Bauabschnitt ab. Dann gibt es neben dem Kellogg Pier und der Schule mehrere Hundert Wohnungen, das Gesundheitszentrum usw.. Meine Hoffnung und zugleich Erwartung ist, dass aus dem prosperierenden Ort ein belebter und beliebter Standort wird. Dass später jede Bremerin und jeder Bremer sagt: „Ich verbringe auf der Überseeinsel einen Teil meiner Freizeit. Ich habe hier meinen Arzt. Ich gehe hier zum Sport. Ich besuche hier die Gastronomie.“ Das ist das Ziel – und zugleich die Herausforderung.

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