18.12.2025 - Daniela Krause

Schlafende Orte wachküssen

25 Jahre Überseestadt

Sieben Beispiele für kreative Zwischennutzungen aus 25 Jahren Überseestadt

Bevor Wohnungen, Büros und Promenaden entstanden, war die Überseestadt ein Ort des Übergangs. Leerstände und Brachen boten Möglichkeiten für Experimente, Kultur und neue Ideen. Zwischennutzungen haben diese Phase geprägt, Orte geöffnet und Entwicklungen sichtbar gemacht.

Eine erleuchtete kleine Bar im Abendlicht im Europahafen der Überseestadt.
Die Golden City Hafenbar in ihren Anfängen am Europahafen. © WFB/Frank Pusch

„Zwischennutzungen beleben ungenutzte Orte neu und schaffen Raum für kreative Ideen“, ist Daniel Schnier überzeugt. Gemeinsam mit Oliver Hasemann gründete er deshalb 2009 im Rahmen einer Ausschreibung die Zwischennutzungsagentur ZwischenZeitZentrale, kurz ZZZ. Mit ihrem Team identifizieren sie leerstehende Räume, gewinnen potenzielle Nutzerinnen und Nutzer, klären rechtliche Fragen, holen Genehmigungen ein und entwickeln in Abstimmung mit  Politik und Verwaltung Nutzungskonzepte.

Zwischennutzungen in der Überseestadt

Sie berechnen die entstehenden Kosten, akquirieren zusätzliche Spendengelder und bringen auch eigene Ideen für die Nutzung ein. Mit diesem Engagement will die ZZZ von Leerstand betroffene Quartiere reaktivieren und kulturelle Impulse setzen. Ihr Ziel sind dabei nicht nur temporäre Lösungen, sondern möglichst nachhaltige Perspektiven – auch wenn die Zwischennutzungen später an anderen Orten fortgeführt werden. Auch in der Überseestadt gab und gibt es experimentierfreudige Menschen, die Brachen oder Leerstände nutzen, um ihre Projekte zu erproben. Es folgen ausgewählte Beispiele aus 25 Jahren Quartiersentwicklung.

Die Fassade eines Speichergebäudes wird von der untergehenden Sonne beleuchtet.
Der historische Speicher XI wurde für eine Nacht zum Gesamtkunstwerk. © WFB/Juliane Scholz

Nachtspeicher

Der „Nachtspeicher“ war ein einmaliges, interdisziplinäres Kultur- und Architekturprojekt im denkmalgeschützten Speicher XI des damaligen Überseehafens. Am 29. Juni 2002 verwandelte das Forum junger Architekten Bremen das rund 400 Meter lange Gebäude für eine Nacht in ein spektakuläres Gesamtkunstwerk aus Architektur, Musik, Theater, Foto- und Videokunst, Tanz, Artistik und Modedesign. Der sonst verwaiste Speicher – damals noch Großbaustelle – wurde temporär für ein großes Publikum geöffnet und atmosphärisch in Szene gesetzt.

Besucherinnen und Besucher konnten die besondere Stimmung der „maroden“ Hafenarchitektur unmittelbar erleben. Zugleich machte das Event auf die bevorstehende Umwandlung der rund 300 Hektar großen Hafenflächen aufmerksam. Bereits geplante Nutzungen wie die Hochschule für Künste und das Hafenmuseum Bremen wurden durch den „Nachtspeicher“ erstmals öffentlich sichtbar. So verstand sich die Veranstaltung als kulturelle Zwischennutzung im Übergang vom brachliegenden Hafenareal zum künftigen Stadtquartier.

Ein Gebäude mit einem elipsenförmigen Dach, das zur alten Zollabfertigung im Überseehafen genutzt wurde. Daneben steht ein Schild mit der Aufschrift Amtsplatz und es stehen Lastwagen im Hintergrund.
In der „Abfertigung“ war auch die ZwischenZeitZentrale zu Hause. © Roomwriter/CC BY-SA 3.0

Abfertigung

Ein längerfristiges Projekt war die „Abfertigung“ im ehemaligen Zollamt Hansator am Rand der Überseestadt. Von Mai 2008 bis April 2015 arbeiteten dort rund dreißig Kreative und soziale Initiativen in gemeinschaftlich organisierten Büros und Ateliers. Unter dem Motto „Wir machen das schön“ wurden die sieben leer stehenden Räume schrittweise hergerichtet und als günstige Arbeitsplätze geöffnet.

Eingebettet in das Netzwerk der ZwischenZeitZentrale verstand sich das Projekt als Beitrag zur Belebung des Quartiers. Zugleich zeigt die „Abfertigung“ exemplarisch, wie alte Infrastrukturbauten des Überseehafens vor endgültigen Planungsentscheidungen als Labor für kreative Zwischennutzungen dienten. Das Gebäude wurde Anfang der 60er-Jahre erbaut und bis 2006 als LKW-Abfertigung des Zollamtes Überseehäfen genutzt.

Blick auf die Konsul-Smidt-Straße in der Überseestadt mit einer Wiese und Lagerhallen im Hintergrund.
An der Konsul-Smidt-Straße entstand auf einer Brache das Projekt b.a.l.d. © EFRE Bremen

b.a.l.d. – Brache als lebendiges Dorf

Im Sommer 2008 belebte das Projekt b.a.l.d. eine bis dahin ungenutzte Brache an der Konsul-Smidt-Straße. Während in der Überseestadt seit den frühen 2000er-Jahren vor allem hochpreisige Quartiere entstanden, blieben dazwischen weite, ländlich wirkende Flächen bestehen. Um diesen „Noch-Nicht-Stadtteil“ zu öffnen und erlebbar zu machen, entstand die Idee eines provisorischen Dorfs, in dem sich zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner symbolisch ansiedeln konnten. Zwei Wochen lang bot das Projekt allen Interessierten die Möglichkeit, eigene Ideen auszuprobieren und die Entwicklung des Ortsteils mitzugestalten. Zwei Dorffeste mit Kulturprogramm machten das neue „Dorf“ zudem für Besucherinnen und Besucher aus ganz Bremen erfahrbar. 

Blick in die leeren Räume des Schuppen Eins mit großen Säulen aus Beton vor seiner Umgestaltung.
2012, zwei Jahre nach Klondike River: die entkernte Ebene 1 im Schuppen Eins. © Bin im Garten/CC BY-SA 3.0

Klondike River

„Klondike River“ war eine künstlerische Zwischennutzung im Schuppen Eins vom 8. bis 23. Oktober 2010. Die Ausstellung entstand als Kooperationsprojekt der Gruppe Treasure‑Land mit der Hochschule für Künste Bremen und setzte sich mit der Entwicklung der Überseestadt als weitgehend investorengetriebenem neuen Stadtteil auseinander. Mit Installationen, künstlerischen Aktionen und der bewusst gewählten Goldrausch‑Metapher „Klondike“ machte das Projekt Chancen, Brüche und Ambivalenzen des Wandels vom Hafenareal zum Stadtquartier sichtbar. Die große Halle diente dabei als exemplarischer Ort der Umwandlung. Besucherinnen und Besucher erlebten die räumlichen und sozialen Bedingungen der Überseestadt in einer künstlerischen Auseinandersetzung vor Ort.

Eine provisorische Bühne in einem Container. Das Publikum sitzt auf orangefarbenen Stühlen und hebt die Arme in die Luft.
Zehn Jahre lang bereicherte die Golden City Hafenbar das Bremer Kulturleben. Zuletzt 2022 auf dem ehemaligen Kellogg-Areal. © Golden City Hafenbar

Golden City Hafenbar

Mit der Golden City Hafenbar wurde ein temporäres Kulturprojekt in der Überseestadt realisiert, das über zehn Jahre hinweg rund 500 Veranstaltungen aus Musik, Theater, Stadtdialog und weiteren Formaten bot. Geleitet wurde die Hafenbar von den Figuren Ramona Ariola und Ramon Locker (Frauke Wilhelm und Nomena Struß), die gemeinsam mit wechselnden Künstlerinnen und Künstlern die lokale Kulturszene bereicherten. Frauke Wilhelm selbst bezeichnete Golden City als „kleine Stadt in der Großen“. Das Programm reichte von Konzerten lokaler Bands und Geheimtipps über Theateraktionen bis zu partizipativen Formaten wie der Golden City-Lokalrunde, in der Publikum und Mitwirkende gemeinsam sangen. Stationen waren unter anderem der Europahafen (2013–2017), das Lankenauer Höft (2018–2019) und die ehemalige Kellogg-Fläche (2021–2022). 

Eine Gruppe von Menschen steht vor einem großen blauen Lagergebäude. In der Hand halten sie eine ukrainische Flagge und eine Regenbogenflagge.
2022 fand Queer Cities einen neuen Ort für seine Ukraine-Spendenstation. Der Verein selbst ist in einem ehemaligen Schulgebäude untergebracht. © WFB/Jan Rathke

Spendenstation Ukraine von Queer Cities e.V.

Die Bremer Spendenstation für Ukraine-Geflüchtete richtete der Verein Queer Cities e.V. ab dem 9. März 2022 in der Überseestadt ein. Zuvor befand sie sich in der ehemaligen Metingo-Halle an der Cuxhavener Straße, die jedoch weichen musste. Durch die rasche Vermittlung der ZwischenZeitZentrale (ZZZ) und Unterstützung der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH fand der Verein innerhalb weniger Tage eine geeignete Fläche an der Konsul-Smidt-Straße 11. Dort werden Sachspenden wie Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente und Reinigungsmittel gesammelt, sortiert und für die Weitergabe an ukrainische Flüchtlinge vorbereitet.

Am Ende einer Mole ist ein kleiner Leuchtturm zu sehen. Auf der Mole stehen und sitzen Spaziergänger, Radausflügler und Angler und schauen auf die Weser.
Der Molenturm diente eine Zeit lang als Kunst-Atelier. © Jessica Niedergesäß

Molenturm als Atelier

Beim Atelier im Molenturm handelte es sich um eine einmalige künstlerische Zwischennutzung des leerstehenden Molenturms von 2022 bis 2024. Der Turm diente dem Bremer Künstler und Autor Sönke Busch als temporäre Schreibstube und Atelier mit einzigartigem Ausblick über Quartier und Hafen. Aufgrund der baulichen Gegebenheiten – fehlende Toilette, fehlende Heizung und keine Sanitäranlagen – war die Nutzung des Turms eingeschränkt. Die Vermittlung erfolgte durch die ZZZ über die WFB. Sönke Busch, bekannt für Graffiti, Kalligraphie und Malerei, nutzte den Turm für seine Projekte und künstlerischen Arbeiten. Der Molenturm, umgangssprachlich auch „Mäuseturm“ genannt, gilt als Wahrzeichen der Überseestadt und steht unter Denkmalschutz.

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