Schlafende Orte wachküssen
25 Jahre ÜberseestadtSieben Beispiele für kreative Zwischennutzungen aus 25 Jahren Überseestadt
Bevor Wohnungen, Büros und Promenaden entstanden, war die Überseestadt ein Ort des Übergangs. Leerstände und Brachen boten Möglichkeiten für Experimente, Kultur und neue Ideen. Zwischennutzungen haben diese Phase geprägt, Orte geöffnet und Entwicklungen sichtbar gemacht.
„Zwischennutzungen beleben ungenutzte Orte neu und schaffen Raum für kreative Ideen“, ist Daniel Schnier überzeugt. Gemeinsam mit Oliver Hasemann gründete er deshalb 2009 im Rahmen einer Ausschreibung die Zwischennutzungsagentur ZwischenZeitZentrale, kurz ZZZ. Mit ihrem Team identifizieren sie leerstehende Räume, gewinnen potenzielle Nutzerinnen und Nutzer, klären rechtliche Fragen, holen Genehmigungen ein und entwickeln in Abstimmung mit Politik und Verwaltung Nutzungskonzepte.
Zwischennutzungen in der Überseestadt
Sie berechnen die entstehenden Kosten, akquirieren zusätzliche Spendengelder und bringen auch eigene Ideen für die Nutzung ein. Mit diesem Engagement will die ZZZ von Leerstand betroffene Quartiere reaktivieren und kulturelle Impulse setzen. Ihr Ziel sind dabei nicht nur temporäre Lösungen, sondern möglichst nachhaltige Perspektiven – auch wenn die Zwischennutzungen später an anderen Orten fortgeführt werden. Auch in der Überseestadt gab und gibt es experimentierfreudige Menschen, die Brachen oder Leerstände nutzen, um ihre Projekte zu erproben. Es folgen ausgewählte Beispiele aus 25 Jahren Quartiersentwicklung.
Nachtspeicher
Der „Nachtspeicher“ war ein einmaliges, interdisziplinäres Kultur- und Architekturprojekt im denkmalgeschützten Speicher XI des damaligen Überseehafens. Am 29. Juni 2002 verwandelte das Forum junger Architekten Bremen das rund 400 Meter lange Gebäude für eine Nacht in ein spektakuläres Gesamtkunstwerk aus Architektur, Musik, Theater, Foto- und Videokunst, Tanz, Artistik und Modedesign. Der sonst verwaiste Speicher – damals noch Großbaustelle – wurde temporär für ein großes Publikum geöffnet und atmosphärisch in Szene gesetzt.
Besucherinnen und Besucher konnten die besondere Stimmung der „maroden“ Hafenarchitektur unmittelbar erleben. Zugleich machte das Event auf die bevorstehende Umwandlung der rund 300 Hektar großen Hafenflächen aufmerksam. Bereits geplante Nutzungen wie die Hochschule für Künste und das Hafenmuseum Bremen wurden durch den „Nachtspeicher“ erstmals öffentlich sichtbar. So verstand sich die Veranstaltung als kulturelle Zwischennutzung im Übergang vom brachliegenden Hafenareal zum künftigen Stadtquartier.
Abfertigung
Ein längerfristiges Projekt war die „Abfertigung“ im ehemaligen Zollamt Hansator am Rand der Überseestadt. Von Mai 2008 bis April 2015 arbeiteten dort rund dreißig Kreative und soziale Initiativen in gemeinschaftlich organisierten Büros und Ateliers. Unter dem Motto „Wir machen das schön“ wurden die sieben leer stehenden Räume schrittweise hergerichtet und als günstige Arbeitsplätze geöffnet.
Eingebettet in das Netzwerk der ZwischenZeitZentrale verstand sich das Projekt als Beitrag zur Belebung des Quartiers. Zugleich zeigt die „Abfertigung“ exemplarisch, wie alte Infrastrukturbauten des Überseehafens vor endgültigen Planungsentscheidungen als Labor für kreative Zwischennutzungen dienten. Das Gebäude wurde Anfang der 60er-Jahre erbaut und bis 2006 als LKW-Abfertigung des Zollamtes Überseehäfen genutzt.
b.a.l.d. – Brache als lebendiges Dorf
Im Sommer 2008 belebte das Projekt b.a.l.d. eine bis dahin ungenutzte Brache an der Konsul-Smidt-Straße. Während in der Überseestadt seit den frühen 2000er-Jahren vor allem hochpreisige Quartiere entstanden, blieben dazwischen weite, ländlich wirkende Flächen bestehen. Um diesen „Noch-Nicht-Stadtteil“ zu öffnen und erlebbar zu machen, entstand die Idee eines provisorischen Dorfs, in dem sich zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner symbolisch ansiedeln konnten. Zwei Wochen lang bot das Projekt allen Interessierten die Möglichkeit, eigene Ideen auszuprobieren und die Entwicklung des Ortsteils mitzugestalten. Zwei Dorffeste mit Kulturprogramm machten das neue „Dorf“ zudem für Besucherinnen und Besucher aus ganz Bremen erfahrbar.
Klondike River
„Klondike River“ war eine künstlerische Zwischennutzung im Schuppen Eins vom 8. bis 23. Oktober 2010. Die Ausstellung entstand als Kooperationsprojekt der Gruppe Treasure‑Land mit der Hochschule für Künste Bremen und setzte sich mit der Entwicklung der Überseestadt als weitgehend investorengetriebenem neuen Stadtteil auseinander. Mit Installationen, künstlerischen Aktionen und der bewusst gewählten Goldrausch‑Metapher „Klondike“ machte das Projekt Chancen, Brüche und Ambivalenzen des Wandels vom Hafenareal zum Stadtquartier sichtbar. Die große Halle diente dabei als exemplarischer Ort der Umwandlung. Besucherinnen und Besucher erlebten die räumlichen und sozialen Bedingungen der Überseestadt in einer künstlerischen Auseinandersetzung vor Ort.
Golden City Hafenbar
Mit der Golden City Hafenbar wurde ein temporäres Kulturprojekt in der Überseestadt realisiert, das über zehn Jahre hinweg rund 500 Veranstaltungen aus Musik, Theater, Stadtdialog und weiteren Formaten bot. Geleitet wurde die Hafenbar von den Figuren Ramona Ariola und Ramon Locker (Frauke Wilhelm und Nomena Struß), die gemeinsam mit wechselnden Künstlerinnen und Künstlern die lokale Kulturszene bereicherten. Frauke Wilhelm selbst bezeichnete Golden City als „kleine Stadt in der Großen“. Das Programm reichte von Konzerten lokaler Bands und Geheimtipps über Theateraktionen bis zu partizipativen Formaten wie der Golden City-Lokalrunde, in der Publikum und Mitwirkende gemeinsam sangen. Stationen waren unter anderem der Europahafen (2013–2017), das Lankenauer Höft (2018–2019) und die ehemalige Kellogg-Fläche (2021–2022).
Spendenstation Ukraine von Queer Cities e.V.
Die Bremer Spendenstation für Ukraine-Geflüchtete richtete der Verein Queer Cities e.V. ab dem 9. März 2022 in der Überseestadt ein. Zuvor befand sie sich in der ehemaligen Metingo-Halle an der Cuxhavener Straße, die jedoch weichen musste. Durch die rasche Vermittlung der ZwischenZeitZentrale (ZZZ) und Unterstützung der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH fand der Verein innerhalb weniger Tage eine geeignete Fläche an der Konsul-Smidt-Straße 11. Dort werden Sachspenden wie Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente und Reinigungsmittel gesammelt, sortiert und für die Weitergabe an ukrainische Flüchtlinge vorbereitet.
Molenturm als Atelier
Beim Atelier im Molenturm handelte es sich um eine einmalige künstlerische Zwischennutzung des leerstehenden Molenturms von 2022 bis 2024. Der Turm diente dem Bremer Künstler und Autor Sönke Busch als temporäre Schreibstube und Atelier mit einzigartigem Ausblick über Quartier und Hafen. Aufgrund der baulichen Gegebenheiten – fehlende Toilette, fehlende Heizung und keine Sanitäranlagen – war die Nutzung des Turms eingeschränkt. Die Vermittlung erfolgte durch die ZZZ über die WFB. Sönke Busch, bekannt für Graffiti, Kalligraphie und Malerei, nutzte den Turm für seine Projekte und künstlerischen Arbeiten. Der Molenturm, umgangssprachlich auch „Mäuseturm“ genannt, gilt als Wahrzeichen der Überseestadt und steht unter Denkmalschutz.
Erfolgsgeschichten
Winterliches Eisvergnügen auf der Überseeinsel
Schlittern, Gleiten, Pirouettendrehen: Die Eislaufbahn auf dem ehemaligen Kellogg-Areal erfreut sich auch in diesem Jahr großer Beliebtheit. Im Dezember ist das 600 Quadratmeter große Eisparadies in die neue Saison gestartet und sorgt bei Groß und Klein für winterlichen Spaß. Doch die Eislauffläche ist mehr als nur ein Freizeitvergnügen in der kalten Jahreszeit – was dahintersteckt.
Mehr erfahrenRaum für frische Ideen im HAG-QUARTIER
Seit über 100 Jahren prägt die ehemalige Firma Kaffee HAG das historische Bild der heutigen Bremer Überseestadt. Mittlerweile hat sich das HAG-QUARTIER zu einem modernen Standort entwickelt, der Raum für Gewerbe, Veranstaltungen und unterschiedliche Nutzungen bietet.
Mehr erfahrenJean-Monnet-Straße fertiggestellt
Die Bauarbeiten in der Jean-Monnet-Straße in der Überseestadt sind abgeschlossen. Nach dem Endausbau im Frühjahr wurde im Herbst 2025 auch die Bepflanzung der Versickerungsflächen umgesetzt – mit robusten Bäumen und Stauden nach dem Prinzip der Schwammstadt.
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