Zum Anbeißen

Die Anbiethalle in der Überseestadt

Die legendäre Anbiethalle ist wieder da. Der Start verlief für den neuen Pächter allerdings ganz anders als erwartet. Andreas Lampe hat uns erzählt, wie er zufällig aufs große Glück gestoßen ist und warum er trotz Corona-Krise nicht ans Aufgeben denkt.

Die Anbiethalle in der Überseestadt hat einen neuen Pächter: Andreas Lampe hat die Kultgaststätte im Februar 2020 wiedereröffnet.
Die Anbiethalle in der Überseestadt hat einen neuen Pächter: Andreas Lampe hat die Kultgaststätte im Februar 2020 wiedereröffnet. © WFB/ Eva-Christina Krause

Alles beginnt mit einem Zufall: Andreas Lampe verbringt mit seiner Frau Ulrike einige Tage beruflich an der Nordseeküste und klickt sich wie jeden Morgen durch die Online-Ausgabe des Weser Kurier. Da fällt ihm eine Anzeige ins Auge. Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) sucht per Ausschreibung einen neuen Pächter für das Lokal Anbiethalle in der Überseestadt. Zu diesem Zeitpunkt ist das Ehepaar seit sechs Jahren auf Achse. Mit ihrem Foodtruck sind die beiden in ganz Deutschland und Europa unterwegs und bieten auf Festivals, Konzerten oder Wochenmärkten ihre mobile Hausmannskost an. „Wir wollten endlich was Festes“, sagt der Gastronom. „Und als ich die Anzeige im Weser Kurier sah, wusste ich, das ist es.“

Lokal mit Kultstatus

Die Anbiethalle ist nicht irgendein Lokal. Sie ist eine Institution. Bis in die 1950er-Jahren reicht die Geschichte der Anbiethalle zurück, die damals eine Kantine für Hafenarbeiter war. Der bremische Begriff „Anbiet“ stammt nicht vom Wort „anbieten“, sondern von „anbeißen“. Zur Anbietzeit – also in ihrer Arbeitspause – strömten die Hafenarbeiter in die Anbiethalle. Das Besondere: In dem Lokal herrschte kein Verzehrzwang. War das Geld mal knapp, konnten sich die Arbeiter selbst geschmierte Butterbrote mitbringen. Auch Lampe weiß um den Kultstatus der Anbiethalle. Der Delmenhorster fühlt sich Bremen eng verbunden. Als Kind tobte er auf dem Domshof herum, wo seine Großmutter einen Gemüsestand hatte. Als Erwachsener nahm er dann seine Kinder zum Schnitzelessen mit in die Anbiethalle.

Mittagessen in der Anbiethalle
Aufgetischt: Traditionelle Hausmannskost aus regionalen Produkten in der Anbiethalle. © WFB/ Eva-Christina Krause

Geht der Plan auf?

Zusammen mit einem seiner Söhne erarbeitet Lampe das Konzept, mit dem er sich um die Konzession für die Anbiethalle bewirbt. Der Plan: Es soll weiterhin norddeutsche Spezialitäten und traditionelle Hausmannskost geben – selbst gemacht aus regionalen Produkten. Ein lokaler Metzger soll das Fleisch liefern, Obst und Gemüse sollen von Bauernhöfen aus der Umgebung kommen. Das Konzept scheint bei der WFB gut anzukommen, so Lampes Eindruck. Auch die Besichtigung mit dem früheren Wirt Hans-Jürgen Schreiber, der sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzieht, verläuft gut. Voller Hoffnung warten Lampe und seine Frau auf die Entscheidung der WFB. Die fällt kurz vor Weihnachten. Eine Mitarbeiterin der WFB ruft an und überbringt die gute Nachricht: Lampe und seine Frau haben die Zusage. Voller Elan stürzen sich die beiden in die Vorbereitung für die Wiedereröffnung. 

Sensationeller Start

Am 10. Februar ist es soweit, die Anbiethalle öffnet wieder ihre Türen für Gäste. Der Name, das urige Ambiente mit Hafenbezug und die meisten Speisen auf der Karte sind geblieben. Auch das Team wurde komplett übernommen. Jeden Tag gibt es wechselnde Gerichte – von Labskaus, Grünkohl und Fischgerichten über Schnitzel und Burger bis hin zu deftigen Suppen und Eintöpfen. Freitags kommt Fisch mit Kartoffelsalat auf den Tisch. Das alte Konzept im neuen Gewand kommt bei den Gästen aus den umliegenden Büros, Betrieben, Wohnungen und im gesamten Stadtteil Walle an. „Wir sind sensationell gestartet“, erzählt Lampe. „Die Hütte war jeden Tag voll, als ob die Leute nur darauf gewartet hätten, dass es wieder losgeht“, so der Gastronom. 

Uriges Hafenambiente in der Anbiethalle
Eine Gaststätte mit langer Tradition: Das urige Hafenambiente gehört zur Anbiethalle einfach dazu. © WFB/ Eva-Christina Krause

Und dann kommt Corona

Die Freude über den gelungenen Start hält genau fünf Wochen. Am 18. März müssen alle Gaststätten in Bremen wegen des Coronavirus schließen. Erlaubt ist nur noch der Außer-Haus-Verkauf von Speisen. Die gerade wiedereröffnete Anbiethalle jetzt wieder dicht machen? Keine Option. Zu viel haben Lampe und seine Frau in das Lokal investiert. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als einen Teil der Angestellten in Kurzarbeit oder unbezahlten Urlaub zu schicken und den Laden erst einmal mit einem kleineren Team zu schmeißen. Hans-Jürgen Schreiber, der ehemalige Betreiber, und Köchin Ewa unterstützen in dieser schwierigen Zeit – unentgeltlich. Gemeinsam stellen sie auf Abhol- und Lieferservice um. Das Geschäft mit den Außer-Haus-Speisen läuft zunächst stockend. Das ändert sich schlagartig, als sie beginnen, ihr Angebot auf Facebook und Instagram zu bewerben. Der üppige Mittagstisch spricht sich rum, jeden Tag holt sich nun die Stammkundschaft ihr Mittagessen ab – darunter auch immer mehr junge Menschen.

Speisekarte in der Anbiethalle
Essen für Jedermann: So lautet das Motto der Anbiethalle in der Überseestadt © WFB/ Eva-Christina Krause

Comeback für den Foodtruck

„Wir halten durch, bis wir wieder regulär öffnen dürfen“, ist sich Lampe sicher. Für den Fall, dass zunächst nur die Außengastronomie wiedereröffnen darf, hat er mit seiner Frau bereits einen Plan geschmiedet. „Dann stellen wir unseren alten Foodtruck aufs Gelände und die Leute können unsere Burger, Currywürste, Salate oder Fischbrötchen in Biergarten-Atmosphäre genießen.“ Sollte auch der Innenraum wieder für Gäste öffnen dürfen, werden auch hier die nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Ihre Entscheidung für die Anbiethalle haben die beiden nicht bereut – trotz Corona. „Das war unser Traum, und den lassen wir uns von sowas nicht kaputt machen“, sagt Lampe voller Zuversicht. „Wir haben ein prima Team, das zu Hause darauf wartet, dass es wiederkommen darf, und auch unsere Kundschaft wartet nur darauf, dass es endlich weitergeht.“          

Die Anbiethalle ist zurzeit von montags bis freitags, jeweils von 10 bis 14 Uhr geöffnet. Informationen und die aktuellen Speisekarten gibt es unter www.anbiethalle.de

Autorin: Beata Cece

Weitere Informationen zur Überseestadt Bremen, Ansiedlung und Vermarktung erhalten Sie bei Dagmar Nordhausen, Tel. +49 (0)421 9600 252, dagmar.nordhausen@wfb-bremen.de, und Jons Abel, Tel. +49 (0)421 9600 613, jons.abel@wfb-bremen.de